Kiel-Elmschenhagen: Drei "Gartenstädte" und die vielen Barackenlager

von Uwe Fentsahm und Wilbert Voß

 

Am 29. Februar 1940 war es Dr. Klingemann, dem Geschäftsführer der Kieler Werkswohnungen G.m.b.H., vorbehalten, den Leitartikel für die Werks-Zeitung der Deutsche Werke Kiel Aktiengesellschaft zu schreiben. Sein Aufsatz war ganz einfach mit dem Wort "Wohnungsbeschaffung" überschrieben: "Als in den Jahren nach dem politischen Umbruch im Rahmen der Wehrhaftmachung des neuen Deutschlands und des Aufbaues der deutschen Kriegsmarine den Deutschen Werken große und wichtige Rüstungsaufgaben übertragen wurden, die den Einsatz Tausender von Arbeitern und Angestellten aus allen deutschen Gauen bedingten, war die Frage der wohnungsmäßigen Unterbringung der vielen von auswärts nach Kiel zu holenden Arbeitskräfte zu lösen. Fest stand hierbei, dass die behelfsmäßige Unterbringung, etwa in Barackenlagern oder sonstigen unzulänglichen Quartieren, nur als vorübergehende Notmaßnahme in Frage kommen durfte, dass baldmöglichst die Unterbringung der Arbeitskräfte zusammen mit ihren Familien in ausreichenden Wohnungen erforderlich war." [1]

Diese Situationsbeschreibung von 1940 ähnelt in gewisser Weise der aktuellen Situation von 2026: Kiel ist wieder auf dem Weg zu einer von Rüstungsbetrieben dominierten Stadt. Es gibt allerdings einen grundlegenden Unterschied: 1940 befand sich das Deutsche Reich bereits in einem selbst herbeigeführten Krieg. Aktuell resultiert das Ziel der "Wehrhaftmachung" aus einer objektiv vorhanden äußeren Bedrohungslage.

Im Rahmen der Bemühungen von 1939/40 spielten Bauvorhaben in Elmschenhagen eine große Rolle.[2] Die hier geplanten Wohnquartiere sollten als sogenannte "Gartenstädte" konzipiert werden. [3] Dafür waren drei Bereiche vorgesehen, die Siedlung Elmschenhagen-Nord, die Siedlung Elmschenhagen-Süd und die Siedlung Elmschenhagen-Ost.

 

[Bebauungsplan für Elmschenhagen 1939, in: Renko Buß (wie Anmerkung 3), S.14.]

[Die "nach Lübeck" führende Straße ist die damalige Reichsstraße 76 (Preetzer Chaussee). Die B76 in der heutigen Form (als Südumgehung der Gemeinde Klausdorf) hat es noch nicht gegeben.]

 


Die Siedlung Elmschenhagen-Nord

[Grundsteinlegung am 4. April 1939, Richtfest am 7. Dezember 1939]

Verantwortlicher Bauträger: Siedlungsbaugesellschaft Hermann und Paul Frank (Hamburg)

[weitere Informationen zum zugehörigen Barackenlager]

Christa Geckeler schrieb im Jahre 2008: "In der Urkunde zur Grundsteinlegung der Gartenstadt Elmschenhagen-Nord heißt es: „Der Zweck der Errichtung der Gartenstadt Elmschenhagen-Nord ist, gesunde und behagliche Wohnungen für diejenigen Menschen zu schaffen, die in den Rüstungsbetrieben an dem Aufbau der Kriegsmarine mitarbeiten. In Heim und Garten sollen diese Volksgenossen die Ruhe und Erholung finden, die sie brauchen, um ihre schwere Aufgabe erfüllen zu können: Dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, eine starke Flotte zur Verteidigung des Vaterlandes zu schaffen. Kiel, am 4. April 1939.“

Die Siedlung "Elmschenhagen-Nord wurde von 1939 bis in die ersten Kriegsjahre von der Siedlungsbaugesellschaft Hermann und Paul Frank, Hamburg, entworfen und gebaut. In diese Siedlung zogen Beschäftigte der Kriegsmarinewerft ein, die aus dem Zusammenschluss der Howaldtswerke und des Marinearsenals 1939 entstanden war und damit in das Eigentum der deutsche Kriegsmarine überführt wurde." [3a]

"Elmschenhagen-Nord, gelegen im Winkel zwischen Preetzer Chaussee und Ellerbeker Weg, wird vom Tiroler Ring umschlossen und hat in der Wiener Allee seine Mittelachse. Von ihr laufen versetzt Querstraßen ab. Alle Straßen und Plätze erhielten österreichische Namen, das 1938 als Ostmark annektiert worden war. Mittelpunkt der Siedlung bildet der Andreas-Hofer-Platz, an dem ein „Gemeinschaftshaus“ mit Kino und Saal vorgesehen war, das aber nicht mehr zur Ausführung kam, ebenso wie das HJ-Heim und eine Kindertagesstätte. In der Festschrift für die Richtfeier der Gartenstadt Elmschenhagen-Nord heißt es: „Im Mittelpunkt, gleichsam das Herz, das Gemeinschaftshaus, das für die Ausrichtung von Seele und Geist der Bewohner zu sorgen hat.“ Das Haus diente also der Propaganda, der nationalsozialistischen Erziehung und sollte Ausdruck der Volksgemeinschaft sein. Die breite Wiener Allee und der Andreas-Hofer-Platz waren für Aufmärsche gedacht. An diesem Platz entstanden auch Geschäfte des täglichen Bedarfs."

"Die Wohnhäuser des Stadtteils bestehen aus zweigeschossigen Reihenhäusern in Backstein mit weißen Sprossenfenstern. Vor den Häusern gibt es Vorgärten, dahinter kleine Nutzgärten, zwischen den Häusern, Bäume, Hecken, Sträucher, also viel Grün. Die Häuser zieren Portale, Durchgänge, Erker und dekorative Giebel. Die Wohnungen selbst waren in drei Typen untergliedert, wobei der häufigste der mit 60 qm war. Dies Reihenhaus hat im Erdgeschoss eine Wohnküche, an die sich ein Wohnzimmer anschließt, das zur Terrasse führt. Im Obergeschoss befinden sich zwei Schlafräume für die Eltern und zwei Kinder. Im Keller liegen Waschküche, Badeeinrichtungen, ein kleiner Zentralheizkessel, Kohlenkeller und Vorratsraum, der als Luftschutzraum geplant und gestaltet war. Für kinderreiche Familien konnte durch Ausbau des Dachgeschosses die Wohnfläche vergrößert werden. Ein Haustyp mit 92qm war für eine noch größere Familie gedacht, eine kleine Dreizimmerwohnung mit 48qm für ältere Ehepaare. Die meisten Mieter fanden damals die Häuser modern und angenehm mit der Toilette im Haus, einer Zinkbadewanne, der Zentralheizung und einem Ofen für Heizwasser. Es gab aber auch gegenteilige Meinungen. Eine Frau, die mit ihrer Familie aus einer größeren Wohnung in Itzehoe 1940 nach Elmschenhagen-Nord zog, meinte: „Das war wirklich primitiv. Das war, das war richtig Adolf Hitlers Wohnungen für kinderreiche Familien. Für Arbeiter, so woll’n wir mal sagen, für Kinderreiche und für Arbeiter, richtige Arbeiterwohnungen waren das.“ [4]

 


Die Siedlung Elmschenhagen-Süd

[Erster Spatenstich am 17. März 1939, geplante Fertigstellung im Sommer 1940/41]

Verantwortlicher Bauträger: Kieler Werkswohnungen GmbH

[weitere Informationen zum zugehörigen Barackenlager]

Christa Geckeler schrieb im Jahre 2008: "Elmschenhagen-Süd, südlich der Preetzer Chaussee gelegen, wurde seit 1939 von der Kieler Werkswohnungen GmbH nach Entwürfen von Paul Schaeffer-Heyrothsberge gebaut. Es entstanden 2000 Wohnungen für Beschäftigte der Deutschen Werke und der Kriegsmarinewerft. Das Zentrum ist der Bebelplatz (früher Egerländer Platz), die zentrale Achse die Reichenberger Allee. Straßen und Plätze wurden nach sudetendeutschen Orten benannt. Der Egerländer Platz solle der repräsentative Mittelpunkt des gesamten Baugebietes Elmschenhagen werden mit Verwaltungsgebäuden, Gemeinschaftshaus, Kino und Läden. Weniges wurde wegen des Krieges bis 1945 verwirklicht."

"In Elmschenhagen-Süd sind die Häuser ebenfalls aus rotem Backstein gebaut, aber es gibt hier neben einigen Reihenhauszeilen, die mit denen im Norden fast identisch sind, überwiegend zweigeschossige Mietshäuser mit vier Wohnungen. Um kostengünstiger bauen zu können, wurde weitgehend auf die Gartenstadtidee verzichtet. Pachtgärten in unmittelbarer Nähe ersetzten nach dem Krieg den Garten am Haus. Aber durch Zeilen- und Blockrandbebauung entstanden Freiflächen, die begrünt wurden. Die Geschosswohnungen mit Wohnküche und zwei Zimmern waren für junge und ältere Ehepaare gedacht, die Wohnungen mit insgesamt vier Räumen für Eltern mit Kindern." [5]

Der eingangs genannte Geschäftsführer der Kieler Werkswohnungen GmbH, Dr. Klingemann, führte im Februar 1940 in seinem Artikel in der Werkzeitung der Deutsche Werke Werft weiterhin aus: "Am 17. März 1939 konnte der erste Spatenstich getan und mit den Bauarbeiten begonnen werden." Es gab zwar immer wieder Schwierigkeiten hinsichtlich der benötigten Arbeitskräfte und des Materials, doch diese Schwierigkeiten wurden "dank der Hilfe der Kriegsmarine und einer gut eingespielten Organisation" immer wieder überwunden.

"Rund 1500 Gefolgschaftsmitglieder der Deutschen Werke und rund 500 Gefolgschaftsmitglieder der Kriegsmarinewerft Kiel werden in dem Bauvorhaben Elmschenhagen-Süd mit ihren Familien Wohnung und Heimat finden. Rechnet man die durchschnittliche Stärke einer Familie zu 3,5 Köpfen, so ergibt sich, dass etwa 7000 Menschen in dem entstehenden Städtchen - zum allergrößten Teil noch im Laufe des Jahres 1940 - Wohnung finden werden."

 


Die Siedlung Elmschenhagen-Ost

[Erfolgter Baubeginn 1941, keine Fertigstellung von Häusern]

Verantwortlicher Bauträger: Baugesellschaft Kiel mbH

[weitere Informationen zum zugehörigen Barackenlager]

Bei Christa Geckeler findet man keinerlei Angaben zur Siedlung Elmschenhagen-Ost. Das liegt im Wesentlichen daran, dass dieses Wohnquartier kriegsbedingt gar nicht mehr realisiert worden ist. Die Baugesellschaft Kiel m.b.H. hatte sich zwar 1941 ein Grundstück (südlich der heutigen Klausdorfer Straße) gesichert und darauf ein Barackenlager für die zum Siedlungsbau notwendigen Arbeitskräfte errichten lassen. Aber im September 1941 waren erst 400 Italiener und Belgier als Arbeitskräfte vor Ort. Das Fassungsvermögen des Lagers lag aber bei ca. 700 Personen.

Es wird wohl auch eine Grundsteinlegung stattgefunden haben, denn in einem Zeitzeugenbericht heißt es: "Meine Eltern wollten dort mit bauen. Die Bauarbeiten liefen an, das erste Haus mit rotem Stein war schon komplett hochgezogen und eingedeckt. Viele Fundamente waren schon fertiggestellt. Auch die Bushaltestelle für den Oberleitungsbus und der Wendekreis waren schon fertiggestellt. Letzterer ist heute noch zu erkennen. Er wird vom Gartenbaubetrieb Petersen als Parkplatz genutzt. Dann wurde das große Bauvorhaben - 400 Wohnungen waren geplant - wegen des Krieges eingestellt. Viele Mauern wurden abgerissen und die Steine zur Reparatur von durch Bomben beschädigten Häusern verwendet." [6]

Ein behagliches Wohnquartier ist in Elmschenhagen-Ost zwar nicht entstanden, dafür gibt es dort seit 1967 des Gewerbegebiet Ostseepark!

 

© Uwe Fentsahm (Brügge) und Wilbert Voß (Schwentinental), September 2026.


[1] Werkszeitung der DWK vom 29. Februar 1940, S.1.

[2] Elmschenhagen gehörte bis zum 1. April 1939 zum Kreis Plön und ist dann in das Stadtgebiet Kiels übernommen worden.

[3] Siehe dazu Renko Buß: "Ein schönes Heim in Sonne und Licht". Gartenstädte in Schleswig-Holstein am Beispiel Kiel-Elmschenhagen, Neumünster 1997.

[3a] Am 1. April 1939 hatte die Kriegsmarine die Kieler Werft der Howaldtswerke in Neumühlen-Dietrichsdorf übernommen und mit den Einrichtungen des Marinearsenals zusammen die Kriegsmarinewerft (KMW) Kiel gegründet. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde diese Fusion schon am 1. Juli 1943 wieder rückgängig gemacht.

[4] Christa Geckeler: Kieler Erinnerungstage - Dezember 1938 | Beginn der Bauplanung für die Gartenstadt Elmschenhagen-Süd, 2008.

[5] Siehe Anm.4

[6] Der Bericht stammt von Antje Knorr und befindet sich in: Spurensuche XXVII (Bombenängste und Barackenleben. Unsere Spuren in Raisdorf), Plön 2004, S.43.