Das Gemeinschaftslager Elmschenhagen-Ost

und die Baugesellschaft Kiel m.b.H. als verantwortlicher Bauträger

von Uwe Fentsahm und Wilbert Voß

Zwangsarbeiter wurden im Kriegsjahr 1941 nicht nur auf den Kieler Werften dringend benötigt, sondern auch im groß angelegten Wohnungsbau in der "Gartenstadt" Elmschenhagen. Hier war es u.a. die Baugesellschaft Kiel m.b.H. (Scharnhorststraße 15), die mit dem Aufbau der Siedlung Elmschenhagen-Ost beauftragt war. Die Anzahl der benötigten Handwerker überstieg bei weitem die Anzahl der im Raum Kiel zur Verfügung stehenden deutschen Arbeitskräfte. Die Durchführung der Bauprojekte war deshalb nur mit Hilfe von ausländischen Zwangsarbeitern möglich. Für deren Unterbringung mussten allerdings Barackenlager neu errichtet wurden. Die Baugesellschaft Kiel wählte als Standort für das Gemeinschaftslager Elmschenhagen-Ost den Ortsteil "Lustiger Bruder" in Klausdorf an der Gemeindegrenze zu Raisdorf. Die genaue Grundbuchbezeichnung des Grundstücks lautete: Gemarkung Raisdorf, Kartenblatt 2, Parzelle 186/1. [1]

[Planung 1940, Archiv Wilbert Voß]

Die geplante Siedlung Elmschenhagen-Ost (hier weiß dargestellt) erstreckte sich nördlich der Bahnlinie Kiel-Raisdorf bis an die (früher so bezeichnete) Preetzer Landstraße in Klausdorf. Heute lautet die Straßenbezeichnung Preetzer Chaussee, die hier in die Klausdorfer Straße mündet. Die B76 in der heutigen Form gab es damals noch nicht.

 

Das zur Errichtung der Siedlung notwendige Barackenlager (Gemeinschaftslager Elmschenhagen-Ost) (oben gelb gekennzeichnet) wurde südlich der Preetzer Landstraße im Nordosten der geplanten Siedlung gebaut. Es umfasste im Wesentlichen 8 Baracken, darunter 1 Wirtschaftsbaracke, 1 Veranstaltungsbaracke, 1 Waschbaracke, 1 Waschhaus und Toiletten. [2]

[Archiv Wilbert Voß]

"Die Baracken des Lagers Elmschenhagen-Ost befanden sich südlich der damaligen Reichsstraße 76, und die Einfahrt zum Lager grenzte östlich an die Tankstelle Rohweder. Das Wohnhaus des ehemaligen Tankstellenbesitzers ist heute noch gut zu erkennen: Es trägt die Inschrift 1886 (Klausdorfer Straße 73). Gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich der Bauhof der Stadt Schwentinental." (Auskunft von Wilbert Voß)


Der Bemühen um eine Schankkonzession für das Lager Elmschenhagen-Ost

Am 5.September 1941 richtete die Baugesellschaft ein Schreiben an den Amtsvorsteher von Klausdorf und bat um die Genehmigung für einen Kantinenbetrieb: "Für das von uns betreute Gemeinschaftslager Elmschenhagen-Ost, worin ca. 700 Arbeiter untergebracht werden sollen, bitten wir um Erteilung einer Konzession für die dort errichtete Kantine zum Verkauf von Bier und Spirituosen und Rauchwaren." [3] Das Lager Elmschenhagen-Ost befand sich also im September 1941 offensichtlich noch im Aufbau.

Der Amtsvorsteher (wohl als Vertreter des Plöner Landrates) ließ sich Zeit mit der Bearbeitung des Antrages. Er unterrichtete erst am 2.Dezember 1941 den Reichsverband Deutscher Gastwirte, vertreten durch den Inhaber von Drillers Gasthof in Preetz, über den geplanten Kantinenbetrieb und bat um eine Stellungnahme. In der Erläuterung dazu heißt es: "Das Lager hat ein Fassungsvermögen von rd. 700 Personen und ist gegenwärtig bereits mit 400 Personen belegt. Die Lagerinsassen sind Ausländer (Italiener und Belgier)."

Obwohl das Prüfungsverfahren noch nicht abgeschlossen war, erhielt der von der Baugesellschaft Kiel vorgeschlagenen Kantinenverwalter Rudolf S. vom Amtsvorsteher am selben Tag "die vorläufige Genehmigung zum Betrieb einer Kantine im Gemeinschaftslager Elmschenhagen-Ost in der Gemeinde Klausdorf." Rudolf S. musste aber noch eine sogenannte Abstammungserklärung vorlegen, bevor er als Kantinenverwalter tätig werden durfte: "Mir sind nach sorgfältiger Prüfung keine Umstände bekannt, die die Annahme rechtfertigen könnten, daß ich Jude bin. Über den Begriff des Juden bin ich unterrichtet worden." Die Kreisleitung Kiel der NSDAP hatte auch keine Bedenken gegen Rudolf S.: "Gegen die politische Zuverlässigkeit und charakterliche Haltung des Vorgenannten bestehen diesseits keine Bedenken; er bejaht den heutigen Staat." Und so wurde der Baugesellschaft Kiel dann am 23.Januar 1942 offiziell die Genehmigung für den Kantinenbetrieb im Lager Elmschenhagen-Ost erteilt. Es wurde aber nur der Ausschank von Flaschenbier und alkoholfreien Getränken erlaubt.

Der Amtsvorsteher hatte gegenüber dem Bürgermeister von Klausdorf noch einmal deutlich gemacht, dass die Arbeitskräfte "zum Bau der großen Siedlung Elmschenhagen-Ost herangezogen worden" sind. Der Bürgermeister wiederum sah sogar ein dringendes Bedürfnis für den Kantinenbetrieb im Lager: "Durch die Errichtung des Lagers sind für den ländlichen Ortsteil Lustigen Bruder außergewöhnliche Verhältnisse geschaffen worden. Für den heutigen Bestand des Lagers von rd. 400 Personen reichen die Geschäfte und Gaststätten des Ortsteils nicht aus, so daß sich ein Notstand ergeben würde, wollte man von der Errichtung einer Kantine Abstand nehmen."

Für den Bürgermeister von Klausdorf war allerdings noch ein weiterer Aspekt wichtig: "Es ist ferner zu berücksichtigen, daß die Lagerinsassen Ausländer (vorwiegend Italiener und Belgier) sind, deren Fernhaltung von den anderen, ohnehin schon durch die Militärunterkünfte überlagerten Gaststätten nur dringend erwünscht ist."


Die Ergebnisse der Spurensuche in Raisdorf 2004

"Ebenfalls auf Klausdorfer Gebiet wurde 1941 an der heutigen Klausdorfer Straße (damals Preetzer Chaussee) von der Baugesellschaft Kiel das Lager Elmschenhagen Ost (Lager Ost) gebaut. ... Die hier untergebrachten ca. 700 Lagerinsassen sollten beim Bau der neuen Siedlung Elmschenhagen Ost mitwirken. Dort sollte ein neuer Ortsteil mit Wohnungen für Marineangehörige entstehen. Elmschenhagen gehörte schon seit 1939 zu Kiel." [4]

"Bei diesem Bauvorhaben war aber auch der Raisdorfer Erdbeerberg eingeplant. Die neue Wohnsiedlung sollte sich im Osten bis an die Preetzer Chaussee (Klausdorf) und die Klausdorfer Straße (Raisdorf) , im Süden bis an den Balders Krog (Erdbeerberg)/Dieselstraße, im Westen bis an die Eisenbahnlinie Kiel-Lübeck/Paradiesweg Raisdorf mit Anbindung über die Bahn hinweg an den Zeppelinweg (Kiel) und im Norden bis an die Straße Brunsberg (Klausdorf) und Werdenfelser/Sonthofener Straße (Kiel) erstrecken."

Ein behagliches Wohnquartier ist nicht entstanden - dafür ein Gewerbepark

Es hat offensichtlich eine Grundsteinlegung für das neue Wohnquartier gegeben, aber die baulichen Aktivitäten sind dort kriegsbedingt sehr schnell wieder eingestellt worden. In einem Zeitzeugenbericht der Spurensucher heißt es: "Meine Eltern wollten dort mit bauen. Die Bauarbeiten liefen an, das erste Haus mit rotem Stein war schon komplett hochgezogen und eingedeckt. Viele Fundamente waren schon fertiggestellt. Auch die Bushaltestelle für den Oberleitungsbus und der Wendekreis waren schon fertiggestellt. Letzterer ist heute noch zu erkennen. Er wird vom Gartenbaubetrieb Petersen als Parkplatz genutzt. Dann wurde das große Bauvorhaben - 400 Wohnungen waren geplant - wegen des Krieges eingestellt. Viele Mauern wurden abgerissen und die Steine zur Reparatur von durch Bomben beschädigten Häusern verwendet." [5]

Die baulichen Aktivitäten wurden erst 1967 wieder aufgenommen. Es entstand das heutige Gewerbegebiet Ostseepark: "Als 1967 das Gewerbegebiet erschlossen wurde, mussten viele der damals [1941] gebauten Grundmauern abgebrochen und abgefahren werden. Die Fläche umfasste nahezu das gesamte heutige Gewerbegebiet." [6]


Die baulichen Mängel im Gemeinschaftslager Elmschenhagen-Ost 1944/45

Das Lager Elmschenhagen-Ost (mit 8 Baracken und einem Fassungsvermögen von ca. 700 Personen) existierte seit 1941. Die hier untergebrachten zivilen Arbeitskräfte aus Belgien und Italien (eventuell auch aus Lettland, Estland, Polen un der Ukraine) haben nach den Erinnerungen der Raisdorfer Spurensucher nicht am Bau der geplanten Wohnsiedlung gearbeitet, "sondern waren ebenfalls auf den Werften eingesetzt." [7]

Die hygienischen Verhältnisse dürften in diesem Lager nicht die besten gewesen sein, denn anlässlich der Überprüfung von Gemeinschaftslagern durch das Gesundheitsamt Kiel im Jahre 1944 sind dort erhebliche Mängel festgestellt worden: "Im Lager Elmschenhagen Ost ... wurden bei der Besichtigung vom 19.9.44 erhebliche Mängel festgestellt. Diese Mängel wurden bereits mit der vom Gewerbeaufsichtsamt Kiel unter dem 1.12.43 gegen die Baugesellschaft Kiel erlassenen polizeilichen Verfügung gerügt."

"Die Beseitigung der vorgefundenen Mängel hatte teils durch die Marine, teils durch die Baugesellschaft zu erfolgen. Eine erneute Überprüfung dieses Lagers am 14.10.44 ergab, dass, soweit es möglich war, die Mängel abgestellt worden sind." Das Hauptproblem der Überschwemmung von Kellerräumen konnte (vorübergehend) abgestellt werden. Es fehlte aber eine zweite Pumpe. Diese war in Hamburg bestellt worden, konnte aber nicht geliefert werden, da sie "durch Angriff auf Hamburg vernichtet worden ist". [8]

Das Problem der fehlenden zweiten Pumpe wurde nicht gelöst. Am 11.1.1945 fand eine erneute Überprüfung durch das Gewerbeaufsichtsamt Kiel statt. Es wurde festgestellt, "dass eine Beseitigung der ... gerügten Mängel nur teilweise erfolgt ist. Die Pumpenanlage zur Entleerung der Fäkalgrube ist völlig unzureichend. ... Der Einbau einer 2. Pumpenanlage ist noch nicht erfolgt. Die Fäkalien fließen nach Durchstoßen des Abflussrohres in das vor den Wohnbaracken liegende Gelände." [9]

 

[Merke: KRIEG LOHNT SICH NICHT!]

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© Uwe Fentsahm (Brügge) und Wilbert Voß (Schwentinental), September 2026.


[1] Schriftwechsel in: LASH Abt.320 Plön Nr.3078.

[2] Angaben im Form-96-Bogen für das "Zivillager Elmschenhagen-Ost" (LASH Abt.415 Nr.3424 und 3425). In dieser Nachkriegsquelle ist auch die Rede davon, dass das Lager für "etwa 400 Arbeiter" ausgelegt war. Außer Italienern und Belgiern sollen hier auch Letten, Esten, Polen und Ukrainer untergebracht worden sein.

[3] Dieses und die nachfolgenden Zitate wurden alle dem in LASH Abt.320 Plön Nr.3078 überlieferten Schriftwechsel entnommen.

[4]Spurensuche XXVII (Bombenängste und Barackenleben. Unsere Spuren in Raisdorf), Plön 2004, S.42f.

[5] Der Bericht stammt von Antje Knorr und befindet sich in: Spurensuche XXVII (Bombenängste und Barackenleben. Unsere Spuren in Raisdorf), Plön 2004, S.43.

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] Schreiben des Marineoberkommandos Ostsee vom 11.11.44 an das Oberkommando der Kriegsmarine in Berlin, in: LASH Abt.309 Nr.34655

[9] Schreiben des Gewerbeaufsichtsamtes Kiel vom 16.1.45 an den Regierungspräsidenten in Schleswig, in: LASH Abt.309 Nr.34655