Das Gemeinschaftslager Elmschenhagen Süd II
und die Polizeibaracke Elmschenhagen

von Uwe Fentsahm und Wilbert Voß

 

Wirtschaftsbaracke
(n. Osten vorgezogen)
Sportplatz
in der Bildmitte
[Diese Aufnahme zeigt die Situation 1945, Privatarchiv Wilbert Voß]

Das Barackenlager Elmschenhagen Süd II (ursprünglich 8 große Baracken) befand sich südlich der Egerstraße und östlich der heutigen Rüsterstraße. Im Süden wurde das Lager von der (etwas nach Süden versetzten) Verlängerung des Jettkorn begrenzt. 6 Baracken waren in West-Ost-Richtung erbaut worden, darunter in der Mitte die größere Wirtschaftsbaracke. Im nördlichen Teil des Lagers befanden sich ursprünglich 2 Baracken, die in Nord-Süd-Richtung erbaut wurden. Darunter war auch die sogenannte Revierbaracke (Sanitätsbaracke), die allerdings bei einem Luftangriff zerstört wurde.

Deutlich zu erkennen ist ein zum Lager gehörender Splitterschutzgraben, in dem sich bei einem Luftangriff bis zu 100 Personen aufhalten konnten. Der Splitterschutzgraben war durch eine Sandabdeckung von oben geschlossen. Westlich der Rüsterstraße (früher Hackelstraße) befand sich ein Sportplatz. In der südwestlichen Ecke des Sportplatzes war die Polizeibaracke Elmschenhagen errichtet worden. Das Polizeirevier und ein Löschteich befanden sich nördlich und südlich an der Straße Jettkorn.

 


"140 tschechische Arbeiter für den Aufbau von Elmschenhagen-Süd"

Diese Überschrift war am 15./16. April 1939 in der Nordischen Rundschau zu lesen: "Am gestrigen Freitagnachmittag um 17,19 Uhr trafen 140 tschechische Arbeiter aus der Gegend von Brünn auf dem Bahnhof ein, die für die Bauvorhaben der Kieler Werkswohnungen GmbH, Elmschenhagen-Süd eingesetzt werden sollen. Die Arbeiter wurden ... mit Omnibussen zu den Arbeitslagern auf den Baustellen gebracht."

Am Tag darauf vermeldete die Zeitung erneut: "Wie wir erfahren, trifft am heutigen Montag um 13,33 Uhr ein weiterer Transport von 300 bis 400 tschechischen Arbeitern auf dem Hauptbahnhof in Kiel ein."

Zu diesem Zeitpunkt war das zugehörige Barackenlager Elmschenhagen-Süd offensichtlich noch gar nicht fertiggestellt, denn es gibt einen Bericht des städtischen Tiefbauamtes vom 12. Juni 1939, wonach das "Lager Süd II: Noch nicht fertiggestellt" war. [0]

 


"Es hat alles keinen Zweck, wer einmal hier ist, kommt nicht wieder weg!"

 

      Die nebenstehende Postkarte wurde am 2. August 1939
      von einem Mann mit Vornamen Kurt aus dem
      Gemeinschaftslager Süd II Kiel-Elmschenhagen
      an eine Familie Alfred Klemm
      im Amtsbezirk Meißen (Sachsen) verschickt.

 

      "Ich war heute Dienstag auf dem Polizeirevier
      muss Morgen Mittwoch auf das Wehrmeldeamt.
      Hier wird gesagt, es soll alles keinen Zweck [haben],
      wer einmal hier ist kommt nicht wieder weg.
      Werde wahrscheinlich nachgemustert
      Ich werde ja auf dem Wehrmeldeamt alles erfahren.
      Herzliche Grüße Kurt"
[Privatarchiv Wilbert Voß]

Die obige Postkarte macht zunächst einmal deutlich, dass das Lager Elmschenhagen-Süd II nicht nur von der Kieler Werkswohnungen GmbH betrieben worden ist, sondern auch unter der Oberaufsicht der Deutschen Arbeitsfront (D.A.F.) stand. Einen Monat vor Kriegsbeginn befanden sich hier offensichtlich dienstverpflichtete Deutsche, um den Aufbau der "Gartenstadt" Elmschenhagen-Süd sicherzustellen.

Seit dem 13. Februar 1939 gab es die "Verordnung zur Sicherstellung des Kräftebedarfs für Aufgaben von besonderer staatspolitischen Bedeutung". Nach §1 (1) galt folgende Neuregelung: "Für Aufgaben, die der Beauftragte für den Vierjahresplan als besonders bedeutsam und unaufschiebbar bezeichnet, kann das Arbeitsamt Bewohner des Reichsgebiets zur Dienstleistung verpflichten. Hierzu kann privaten und öffentlichen Betrieben und Verwaltungen vom Arbeitsamt die Abgabe von Arbeitskräften auferlegt werden." [1]

D.h. das Arbeitsamt wurde im Reichsgebiet (z.B. in Sachsen) aktiv und informierte geeignet erscheinende Arbeitskräfte darüber, dass sie sich umgehend nach Kiel zu begeben hätten, um dort bei Bauprojekten oder auf den Werften im Rüstungssektor tätig zu werden. Es ging ja um die Wehrhaftmachung des Deutschen Reiches.

Die in dieser Hinsicht seit 1938 bestehende Richtlinie sah bisher immmer nur befristete Arbeitsplatzwechsel vor. Das änderte sich jetzt grundlegend: "Bei Verpflichtung zu Dienstleistungen von unbeschränkter Dauer erlischt das bisherige Beschäftigungsverhältnis." [2] Der Arbeitnehmer war in so einem Fall also dauerhaft an den neuen Arbeitgeber gebunden. Die freie Wahl des Arbeitsplatzes war damit abgeschafft.

 


Was passierte mit dem Barackenlager nach der Fertigstellung der Siedlung 1941?

      Dies ist die Vorderseite der obigen Postkarte.
      Sie zeigt jeweils deutlich die nach Osten
      vorgezogene Wirtschaftsbaracke.

      Es ist zweifelhaft, ob der dienstverpflichtete
      Postkartenschreiber aus Sachsen (Kurt) 1941
      noch in Kiel war. Mit großer Wahrscheinlichkeit
      wird er damals schon zur Wehrmacht eingezogen
      worden sein.

      Die Baracken werden inzwischen mit zivilen
      Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern

      aus den von deutschen Truppen besetzten
      europäischen Staaten belegt worden sein. [3]

      Seit dem 1. Juli 1944 war die Kriegsmarine
      für das Lager zuständig. In der nahegelegenen
      Polizeibaracke Elmschenhagen wohnten
      inzwischen Familien aus der Ukraine. Bei den
      Männern handelte es sich um sogenannte
      "ukrainische Schutzmänner", die sich (mehr
      oder weniger freiwillig) für eine Zusammenarbeit
      mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich
      entschieden hatten.

      Am 24. Juli 1944 erfolgte der schwerwiegende
      Bombenangriff auf das Lager Elmschenhagen Süd II,
      bei dem 54 Frauen und Kinder aus der Ukraine
      sowie 9 ausländische Zwangsarbeiter
      ums Leben kamen.

 


Kieler Werkswohnungen G.m.b.H. hat kein Interesse mehr am Lager (1944)

 

"Das Lager Elmschenhagen Süd [II] wurde bis zum 30.6.44 von der Kieler Werkswohnungen G.m.b.H. bewirtschaftet, jedoch zu diesem Zeitpunkt aufgegeben, weil nach Fertigstellung des Bauvorhabens Elmschenhagen Süd bei der Kieler Werkswohnungen G.m.b.H. kein Interesse mehr am Lager bestand. Da im erheblichen Umfang auch Arbeiter von Marine-Betrieben dort untergebracht sind und andere Unternehmer zur Übernahme der Lagerbewirtschaftung nicht bereit waren, musste diese ab 1.7.44 von der Kriegsmarine übernommen werden." [4]

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© Uwe Fentsahm (Brügge) und Wilbert Voß (Schwentinental), Oktober 2026.


[0] Detlef Korte (1991), S.45 bezieht sich auf die Akte Stadtarchiv Kiel 34738 und zitiert die Nordische Rundschau entsprechend.

[1] Verordnung zur Sicherstellung des Kräftebedarfs für Aufgaben von besonderer staatspolitischen Bedeutung (vom 13. Februar 1939), RGBl I, S.206 f.

[2] §2(2) der vorgenannten Verordnung.

[3] Nach den Angaben von Klussmann (2004, S.268) waren hier von 1939-1941 vor allem Tschechen einquartiert. Einige Polen wurden in einem gesonderten Meldebuch verzeichnet (Einwohnermeldeamt Kiel). Ab September 1942 waren hier die ersten sogenannten "Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter" (aus der damaligen Sowjetunion) untergebracht. Hinzu kamen noch Arbeitskräfte aus Südosteuropa, Frankreich und Belgien.

[4] LASH Abt.309 Nr.34655