Der 24. Juli 1944 und seine Folgen für die Stadt Kiel

von Uwe Fentsahm und Wilbert Voß

Das obige Foto wurde auf dem Friedhof Eichhof aufgenommen. Es zeigt den Grabstein von Vera Schijan (geb. 26.6.1917), Tamara Schijan (geb. 6.3.1938), Nicolai Schijan (geb. 26. Mai 1940) und Galina Schijan (geb. 8.10.1943). Für alle vier gilt: Gefallen am 24.7.1944. [1]

 

Was geschah am 24. Juli 1944 in Kiel?

Der 23. Juli 1944 war ein Sonntag, der für die Kieler Bevölkerung relativ ruhig verlaufen ist. Möglicherweise hat es einen Bombenabwurf über dem Werftparkgelände gegeben, aber der Sprengkörper ist damals nicht explodiert und wurde erst 2018 als Blindgänger entschärft. [2] Diese scheinbar friedliche Situation änderte sich in der Nacht zum 24. Juli 1944 dramatisch: Von 00.37 – 02.07 Uhr erfolgte ein anderthalbstündiger Bombenangriff der Engländer auf Kiel, wobei offensichtlich 315 Zivilpersonen getötet wurden. [3] Der Polizeipräsident von Kiel berücksichtigte bei seiner Schadensbilanz für den 24. Juli zusätzlich 108 Kriegsgefangene und kam somit auf 424 Gefallene. [4]

Detlef Boelck berichtete dazu: „Fast alle Stadtteile sind mehr oder weniger stark mitgenommen. Zahlreiche Häuser wurden zerstört oder beschädigt.“ „Um nach Elmschenhagen zu kommen, muss man einen Umweg entweder über Klausdorf oder Wellsee machen. Die Zeitzünder haben noch manches Menschenleben gefordert, so z. B. in der Hansa- und Alsenstraße, am Hohenzollernring, auf Deutsche Werke und in Neumühlen-Dietrichsdorf.“ [5]

 

Die Toten im Lager Elmschenhagen Süd II

Es ist anzunehmen, dass Vera Schijan die Mutter von Tamara, Nicolai und Calina (Galina) Schijan gewesen ist. Ihre Sterbeurkunden sind gleichlautend und belegen, dass sie als Familie in Kiel-Elmschenhagen, Baracke Sportplatz gewohnt haben. Für alle vier wurde bescheinigt, dass sie nicht einfach so verstorben sind, sondern sie seien am 24. Juli 1944 in Kiel-Elmschenhagen, Lager Süd II gefallen. Die Wahl dieser Formulierung durch den Standesbeamten deutet an, dass die Familie in einem etwas engeren Verhältnis zum Deutschen Reich gestanden hat. [6]

Der Bericht des Polizeipräsidenten zum 24. Juli 1944 enthält die Angabe, dass 79 zivile Ausländer getötet worden seien „(darunter 54 Familienangehörige von ukrainischen Schutzmännern)“. [7] Die Historikerin Irene Dittrich schrieb 1993, dass bei einem Bombenangriff am 24. Juli 1944 auf das Lager Elmschenhagen Süd II „allein 24 Frauen und 29 Kinder starben. Sie sind auf dem Friedhof Eichhof im Gräberfeld 61 beerdigt.“ [8] Diese Zahlenangaben sind (fast) deckungsgleich.

Eine genaue Auswertung des Beerdigungsregisters für den Kieler Friedhof Eichhof hat ergeben, dass tatsächlich 25 Ukrainerinnen mit zusammen 29 Kindern zu den Bombenopfern vom 24. Juli 1944 zählen. Für alle ist auf den Sterbeurkunden vermerkt, dass sie in Kiel-Elmschenhagen (Baracke Sportplatz) gewohnt haben und im nahegelegenen Lager Süd II „gefallen“ seien. Die Kinder sind alle in der Ukraine geboren worden. [9] Im Beerdigungsregister ist für alle 54 Personen als „Aufenthaltsort“ die Polizeibaracke Elmschenhagen angegeben. [10] Die Polizeibaracke Elmschenhagen war mit der Baracke (Sportplatz) identisch (s.u.).

[Rückseite der Sterbeurkunde von Vera Schijan, Arolsen Archives (76860226)]

Frau Schijan und ihre drei Kinder wurden alle am 29. Juli 1944 auf dem Friedhof Eichhof in Kiel im Gräberfeld 61 beerdigt. Die Grabbezeichnungen lauten für Vera (61/162), Tamara (61/161), Nicolai (61/161) und Galina (61/161). D.h. aus Platzgründen wurden die Leichen der drei Kinder auf einer Grabstelle beerdigt.

 

Die Namen der damals Verstorbenen

  • Nila Hava (29 Jahre) mit ihrem Sohn Iwan (1 Jahr)
  • Manja Harbenko (29 Jahre) mit ihrem Sohn Grigori (6 Jahre)
  • Ewdokia Tkatschenko (21 Jahre) mit ihrem Sohn Anatole (1 Jahr)
  • Olga Besnosenko (29 Jahre) mit ihren Kindern Alina (8 Jahre) und Valentin (6 Jahre)
  • Antonia Tomolnik (25 Jahre) mit ihrer Tochter Galina (5 Jahre)
  • Marina Artemenko (37 Jahre) mit ihren Kindern Alexander (5 Jahre), Marie (3 Jahre) und Ida (1 Jahr)
  • Efrosinia Grascholska (31 Jahre) mit ihrem Sohn Viktor (7 Jahre)
  • Katharine Sokirko (26 Jahre) mit ihrem Sohn Georg (7 Jahre)
  • Parakowia Buswitzkaya (36 Jahre) mit ihren Töchtern Marie (12 Jahre) und Lidia (6 Jahre)
  • Ronja Tostoljak (134 Tage alt)
  • Fedossia Fedosenko (37 Jahre)
  • Hana Djaschenkowa (39 Jahre)
  • Tatjana Dimitro (21 Jahre) mit ihrem Sohn Wladimir (46 Tage)
  • Nadja Semenenko (37 Jahre) mit ihren Kindern Vera (9 Jahre), Luba (14 Jahre) und Wolodia (6 Jahre)
  • Ulja Selenska (41 Jahre) mit ihrer Tochter Luda (10 Jahre)
  • Anna Dschusajewa (24 Jahre) mit ihrem Sohn Stanislaw (69 Tage)
  • Sonja Repetir (20 Jahre) mit mit ihrer Tochter Natja (1 Jahr)
  • Kucheria Zupka (43 Jahre) mit ihrer Tochter Anna (16 Jahre)
  • Anna Kusena (22 Jahre) mit ihrer Tochter Lida (2 Jahre)
  • Stastia Rudenko (42 Jahre)
  • Lüba Beraschnan (27 Jahre) mit ihren Töchtern Lönja (2 Jahre) und Fallja (5 Jahre)
  • Nina Schekina (35 Jahre)
  • Anna Bondarenko (21 Jahre) mit ihrer Tochter Walja (7 Monate)
  • Vera Schijan (27 Jahre) mit ihren Kindern Tamara (6 Jahre), Nicolai (4 Jahre) und Galina (10 Monate)
  • Nadaschka Skiba (30 Jahre) mit ihrem Sohn Stanislav (9 Jahre)

 

Die Polizeibaracke Elmschenhagen und das Lager Süd II

Neun weitere Verstorbene im Lager Süd II

Nähere Informationen zu Nina Schekina

Die Problematik der ukrainischen Schutzmänner

Die vielen Toten im Lager Dietrichsdorf II

 

© Uwe Fentsahm (Brügge) und Wilbert Voß (Schwentinental), September 2026.


[1] Das Foto wurde den Autoren im September 2026 von Stephen Sisokin (Oakville, Ontario, Kanada) im Rahmen einer familiären Suchanfrage zur Verfügung gestellt. Auf der Rückseite ist handschriftlich in kyrillischen Buchstaben vermerkt: „To memory from Jenny Sheanna to friend Danialinko Michael during year of living in Germany 29 IV 46.“ Der 29. April 1946 wird das Datum sein, an dem dieses Foto weitergeleitet worden ist. Das genaue Aufnahmedatum ergibt sich aus dieser Beschriftung nicht.

[2] „Die Bombe war vermutlich am 23. Juli 1944 über Kiel abgeworfen worden. Wegen der auf dem Kieler Ostufer ansässigen Rüstungsindustrie stand die Landeshauptstadt im Fokus. Die Alliierten flogen schwere Luftangriffe.“ (KN vom 7.12.2018)

[3] Kiel im Luftkrieg 1939-1945, Tagebuch des Alarmpostens Detlef Boelck, Kiel 1980, S.82 und S.133. Es handelte sich um einen der folgenreichsten Bombenangriffe auf Kiel: Lediglich am 14. Mai 1943 (354 Tote) und am 3. April 1945 (389 Tote) hatte es mehr Opfer gegeben.

[4] Der Lagebericht vom 23./24.7.1944 wurde publiziert von Alina Dallmann und Jürgen Jensen (Hrsg.): Meldungen vom Kieler Kriegsschauplatz, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft f. Kieler Stadtgeschichte, Band 92 (2000), S.272.

[5] Kiel im Luftkrieg (wie Anm. 3), S.57. Boelck schätzte, dass in dieser Nacht ungefähr 350 Menschen ums Leben gekommen sind.

[6] Auf den Sterbeurkunden von „Ostarbeitern“ und „Ostarbeiterinnen“, die ebenfalls zu den Bombenopfern vom 24. Juli 1944 zählen, ist das Wort „verstorben“ nicht durch das „gefallen“ ersetzt worden.

[7] wie Anm. 4

[8] Irene Dittrich: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Schleswig-Holstein I, Nördlicher Landesteil, Frankfurt a. M. 1993, S.60.

[9] Hieraus wird deutlich, dass der Polizeipräsident am 1.8.1944 schon einen umfassenden Überblick über die Anzahl der Bombenopfer vom 24.7. gehabt hat. Gleiches gilt für Irene Dittrich, die bereits 1993 darauf hingewiesen hatte, dass im Lager Süd II so viele Ukrainerinnen mit entsprechend vielen Kindern ums Leben gekommen sind.

[10] Bestattungen auf dem Kieler Friedhof Eichhof 1941-1945, in: ARCHION, Bild 202-206.